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Eine Betrachtung der Begriffe subjektiv/objektiv und ihrer Anwendung auf Kunst und Erkenntnis

Manuel Köhler

Lexikondefinitionen:

subjektiv: 1.von der eigenen Person aus urteilend
  2. einseitig, voreingenommen
Subjekt: 1. das denkende, handelnde Ich
objektiv: 1. außerhalb des Bewusstseins stehend
  2. sachlich, gegenständlich, unvoreingenommen
Objekt: 1. Gegenstand (auf den sich das Handeln bezieht)

Die These ist, dass eine rein objektive Betrachtung überhaupt nicht möglich ist. Schon bei der Rezeption des Objektes, bei dem Übergang des außerhalb unseres Bewusstsein Stehenden in unser Bewusstsein, erhalten wir eine subjektiv geprägte Vorstellung des Wahrgenommenen. Die Frage ist also nicht, wie wir die objektive Sichtweise erlangen können, sondern wie wir diesem Ideal möglichst nah kommen können. Hier ist eine Bezugnahme auf die Allgemeinheit notwendig, da diese Objektivität auch für jeden gelten muss. Um nicht von der Konsensbildung vieler verschiedener subjektiver Betrachtungen als Annäherung an das Ideal der Objektivität ausgehen zu müssen (die Addition vieler verschiedener falscher Betrachtungsweisen muss nicht eine Richtige ergeben !), muss etwas gefunden werden, das in jedem Menschen vorhanden ist und an welches die Bezugnahme ansetzt. Dieses Etwas finden wir im Verstand als rein logische Funktion, welche einen einzelnen Menschen befähigt, nicht seinem eigenen Bewusstsein entsprungene Gedankenkonstrukte nachzuvollziehen und anhand dieser abstrakten Gesetze konkrete Erscheinungen einzuordnen, zu beurteilen. Die einzige Objektivität, welche wir erreichen können, ist die Orientierung an allgemein nachvollziehbaren Gesetzen, an Maßstäben. Damit werden Gedanken kommunizierbar, da man davon ausgehen kann, dass der Empfänger die Botschaft erhält, welche der Sender aufgibt (sofern sich beide an die gleichen Maßstäbe halten.). Diese Definition von ,,praktischer`` Objektivität ist zugegebenermaßen eine wertfreie, denn welche Gesetze und Maßstäbe gelten und wie sie aufgestellt oder hergeleitet werden, ist hiermit noch nicht beantwortet, doch zumindest für den Bereich der Kunst soll später ein Erklärungsansatz geliefert werden. Subjektiv ist demnach alles, was aus Sicht der Allgemeinheit nicht mehr nachzuvollziehen ist, was sich nicht an Maßstäben orientiert und somit auch nur noch begrenzt kommunizierbar ist.

Objektive Kunst ist formorientierte Kunst. Kunstformen sind Maßstäbe, welche Allgemeingut sind. Über diese Maßstäbe kann der Künstler sich mitteilen (in der klassische Harmonielehre haben bestimmte Melodiefloskeln und Harmoniefolgen eine entschlüsselbare Aussage z.B. Mollkadenz oder Seufzermotiv und man kann anhand dieser Gesetze beurteilen.

Subjektive Kunst enthält Gedanken und Assoziationen des Künstlers, welche nicht durch eine Form mitgeteilt werden können. Sie ist in dem Ausdruck ihres Inhaltes nicht durch zu befolgende Gesetze eingeengt, aber auch nicht von außen nachvollziehbar.

Die objektive Erkenntnis von Kunst fokussiert das Kunstwerk, sie dekodiert es anhand der Form, nach allgemeingültigen Kriterien. Hierzu gehören sowohl die formale Analyse, als auch das Sammeln von Informationen über die Lebensumstände und die Zeit des Künstlers, da letztere auch mitteilbare, äußere Kriterien sind. Die subjektive Erkenntnis zielt auf den Betrachter selbst, auf die Empfindung welches die Betrachtung des Kunstwerkes in ihm hervorruft. Da diese Empfindung nicht anhand von Maßstäben mitteilbar ist, ist sie subjektiv. ( Ich kann jemandem sagen, dass ich mich freue [Sprache = allgemeiner Maßstab], ich kann ihn aber nicht veranlassen, die gleiche Freude zu spüren. Nun muss keiner der beiden Erkenntnisschritte dem anderen vorausgehen, sie stehen vielmehr in einer sich gegenseitig verstärkenden Wechselbeziehung. Ein Durchdringen der Form (z.b. der Konzeption einer Fuge von J.S.Bach) eines Kunstwerkes kann die Empfindung, die dieses Werk hervorruft verstärken oder gar erst ermöglichen - man würde ein Werk auf der anderen Seite nicht analysieren wollen, wenn man sich keine Empfindung davon verspräche.

Wenden wir nun die Kriterien objektiv und subjektiv in ihrer obigen Definition auf das Urteilen selbst an und betrachten auch die Konsequenzen dieser zwei Arten des Urteilens, so nähern wir uns wie versprochen dem Erklärungsversuch für das Entstehen von Maßstäben und den Gründen für ihre Veränderung (z.b. Wandel der Kunstepochen.). Das objektive Urteil darf sich nur an den bestehenden Maßstäben orientieren - ein positives objektives Urteil kann nur heißen: Der beurteilte Gegenstand entspricht der Form. Ein negatives Urteil lautet: er verletzt die Form. Die Orientierung an objektiven Urteilen entspricht also einer Fixierung der Formen, es perfektioniert sie, aber es bringt keine Veränderung, sondern Erstarrung. Das positive subjektive Urteil hingegen lautet ungeachtet der Form: Es spricht mich an, ich empfinde etwas bei der Betrachtung, bei dem Schaffen eines Werkes. Engt die Form nun das Streben nach Ausdruck oder nach Empfinden ein, ist die Konsequenz des subjektiven Urteiles ein Aufbrechen der Form. Diese Veränderung fixiert sich aufgrund eines Mitteilungsbedürfnisses zu einer neuen Form, so besteht eine Wechselbeziehung, welche eine ständige Ausformulierung und gleichzeitigen Wandel der Kunstformen bedingt.


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